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Essen „retten“ mit TooGoodToGo

15. April 2020 um 19:08 Uhr von Atari-Frosch

Auf Werbung reagiere ich ja üblicherweise überhaupt nicht, und wenn, dann meistens eher negativ. In einem Smartphone-Spiel mit Werbeeinblendungen sah ich im Januar jedoch etwas, was ich tatsächlich mal interessant fand: Da gibt es also eine Smartphone-App namens TooGoodToGo, mit deren Hilfe man Nahrungsmittel „retten“ könne, damit sie nicht weggeworfen werden. Das mußte ich dann doch mal ausprobieren.

Auf der Website heißt es, ein Drittel aller Lebensmittel werden verschwendet, werden also weggeworfen, obwohl sie noch genießbar sind. Stattdessen sollen Betriebe, die Lebensmittel übrig haben, diese über die App anbieten. Man reserviert sich da als Kunde meistens eine „magic bag“, eine Überraschungstüte, bezahlt sie vorab zum Beispiel mit PayPal, und holt sie zur vorgegebenen Zeit im entsprechenden Laden, Hotel oder in der Gaststätte ab. Das ist bei den Läden meistens in den letzten 15 bis 30 Minuten vor Geschäftsschluß. Der Preis der Tüten liegt zwischen 30 und 50 % unter dem Ladenverkaufspreis. So weit, so gut.

Zunächst hatte ich die Vorstellung gehabt, darüber vor allem Obst und Gemüse günstiger kaufen zu können. Das hat sich leider schnell erledigt: Die wenigen Angebote in meinem Umfeld und bis knapp 3 km Entfernung sind immer sofort reserviert. Bei einem Anbieter habe ich es trotzdem einmal versucht. Online gestellt werden die Angebote für den Folgetag üblicherweise bei oder direkt nach Ladenschluß des aktuellen Tages (außer am Wochenende und an Feiertagen). Der gewählte Anbieter schließt um 20:00 Uhr. Ich wartete und erneuerte die Anzeige jede Minute. Bis 20:15 Uhr hieß es: kein Angebot. Um 20:16 Uhr dann: ausverkauft. 😒

Was hier in Düsseldorf dagegen regelrecht massenhaft zu bekommen ist, sind Backwaren. Dafür gibt es in der App sogar eine eigene Spalte. Die Bäckerei-Kette Kamps macht offenbar systematisch mit, auch Backwerk ist hier mit mehreren Filialen vertreten. Dazu kommen einzelne Läden, die meines Wissens nach nicht zu Ketten gehören. Also hole ich mir derzeit im Schnitt einmal pro Woche eine Tüte bei Kamps am Fürstenplatz ab (Nennwert: 10,00 €; Preis: 3,50 €). Die anderen Bäckerei-Ketten, die hier in der Ecke je eine Filiale haben, nämlich Terbuyken und Stadtbäcker, machen leider derzeit (noch?) nicht mit.

In der Tüte finde ich eigentlich immer Brötchen, meist sind gute Körnerbrötchen dabei, auch Laugenbrötchen oder -stangen oder mit Käse überbackene Brötchen. Meistens gibt es außerdem süße Teilchen, gelegentlich ein halbes Brot, und hin und wieder einzelne Kuchenstücke. Davon ist alles so frisch, daß ich mich schon oft darüber gewundert habe, daß das wirklich schon als Wegwerf-Ware gelten soll. Belegte Brötchen oder Wraps, wie in der App angesagt, waren bisher nicht dabei, aber das ist mir ganz recht. Die süßen Teilchen und Kuchenstücke, die ich nicht gut aufbewahren kann, esse ich nach dem Abholen sofort. Die Brötchen friere ich gleich ein, verbrauche dann erst vor allem das Brot und backe mir bei Bedarf von den Brötchen auf (10 min bei ca. 180 °C; vorher etwas anfeuchten).

Für das eigentliche Angebot kann TooGoodToGo nichts. Es fällt halt auf, daß gerade hier im sozial eher abgehängten Umfeld des Fürstenplatzes sehr wenige Läden dabei sind; gerade hier dürften insbesondere Familien interessiert daran sein, Lebensmittel günstiger einkaufen zu können, auch wenn man dabei nicht so viel Planungssicherheit hat wie beim regulären Einkauf im Laden, weil man ja nicht weiß, was man bekommt.

Aber was mich ein wenig stört, ist, daß die App, obwohl ich das einmal untersagt habe, immer wieder versucht, meinen Standort herauszufinden. Android sagt mir immer wieder: „TooGoodToGo was denied to obtain your position.“ Ich habe auf der Karte einmal meine Adresse markiert, das sollte eigentlich reichen. Wenn ich mal seltenerweise woanders sein sollte und dort ein Angebot wahrnehmen möchte, kann ich das ja immer noch eingeben.

Außerdem finde ich es schon seltsam, daß mir Angebote in nahezu beliebigen Entfernungen angezeigt werden. Was soll ich mit einem Laden, einem Hotel oder einer Gaststätte in 20 oder 30 km Entfernung? Sollte ich wirklich wegen einer Tüte Lebensmittel nach Köln, Duisburg oder Essen fahren? Die Ersparnis an Umweltkosten durch das „Retten“ der Lebensmittel würde doch durch die lange Fahrt wieder zunichte gemacht, zudem da auch noch eine Menge Zeit für draufginge. Wenn mein sinnvoll erreichbarer Umkreis nur maximal 3 km beträgt, möchte ich alles, was darüber hinaus liegt, gar nicht erst in der Anzeige haben.

Auch nicht sehen muß ich Läden, die gerade gar nichts anbieten, auch wenn das durch ein „verblaßtes“ Foto direkt sichtbar ist. Erst recht nicht, wenn sie quasi grundsätzlich nichts anbieten. Seit Januar sehe ich zum Beispiel die Düsseldorfer Filiale von Tee Gschwendner in der Liste, ohne daß da je etwas angeboten wurde. Tee Gschwendner selbst kann da nix für, das sind, ähnlich wie bei Edeka, Franchise-Läden, die sowas eigenständig entscheiden. Ich vermute, die machen das nur der Werbung wegen. Es wäre deutlich übersichtlicher, wenn nur jeweils die Läden angezeigt würden, die tatsächlich gerade ein Angebot haben, oder wenn ich darauf einen Filter setzen könnte. Außerdem wäre es sicher ein Anreiz für Firmen, auch tatsächlich einigermaßen regelmäßig Angebote zu machen – weil sie sonst halt nicht gesehen werden.

Das ist so ein bißchen wie bei Google, das alles anzeigt, was auch nur annähernd einen der Suchbegriffe enthält, auch wenn man dadurch zu 90 % unbrauchbare Links bekommt. (Und bevor jemand fragt: Nein, ich verwende Google schon länger nicht mehr als Suchmaschine, da bin ich stattdessen bei DuckDuckGo gelandet.)

Bei der Bezahlung mit PayPal – andere Optionen habe ich nicht ausprobiert – fällt noch auf, daß der Anbieter scheinbar meine volle Adresse als „Lieferadresse“ übermittelt bekommt, obwohl ich die Waren abhole. So steht es zumindest in der jeweiligen Bezahlbestätigung, die ich von PayPal per E-Mail bekomme. Was die Anbieter damit machen, falls sie die Daten denn tatsächlich erhalten, ist nicht ersichtlich. Datenschutztechnisch wäre das jedenfalls, sagen wir, nicht optimal.

Aktuell: TooGoodToGo in der Coronakrise

Die Angebote gingen in Düsseldorf in den letzten paar Wochen massiv zurück. Hotels bieten – bis auf eine Ausnahme – keine Reste vom Frühstücksbuffet mehr an, Obst und Gemüse gibt es so gut wie gar nicht mehr, und sogar bei den Backwaren wurden die Angebote weniger bzw. sind schneller ausverkauft. Unverändert scheinen mir die Angebote für Fleischprodukte zu sein, sowohl frisch als auch verarbeitet. Auch das regelmäßige Angebot einer Brauerei hier läuft unverändert weiter.

TooGoodToGo meint, das sei ja eigentlich gut, wenn das Angebot zurückgeht, weil weniger übrig bleiben würde, was „gerettet“ werden müßte. Ich sehe das nicht so optimistisch. Ein Teil der Anbieter wird das einfach aus Hygiene-Gründen derzeit nicht machen (können). Weitere haben vielleicht gerade nicht mehr die Zeit, die Taschen zu packen – zum Beispiel, weil Personal ausgefallen ist –, und werfen die Reste halt doch wieder weg. Gewinn machen die Anbieter damit ja vermutlich eher nicht, gerade wenn man bedenkt, daß für das Zurechtstellen der Taschen oder Portionen zusätzliche Arbeitszeit benötigt und zumindest von PayPal auch noch eine Gebühr von dem vergünstigten Preis abgezogen wird.

In meiner Tüte vom Kamps ist jetzt öfter als vorher ein halbes Brot, und es gibt auch mehr süße Teilchen und Kuchen, dafür wurden die Brötchen im Schnitt weniger. Auch muß ich etwas schneller als bisher reservieren, um noch etwas zu bekommen. Kamps bietet aber weiterhin mindestens fünf Tüten pro Tag an, auch samstags und sonntags. Wobei mir noch auffiel, daß die Abholzeit von Montag bis Freitag eine Stunde früher ist als vorher; möglicherweise lohnt sich die bisher letzte Stunde der Öffnung derzeit einfach nicht.

Fazit

Von den Datenschutzbedenken beim Bezahlen via PayPal mal abgesehen, finde ich das grundsätzlich eine gute Sache. Mir ist klar, daß das quasi eine Konkurrenz zu den Tafeln ist, aber es ist für mich die bessere Variante: Kein stundenlanges Anstehen ohne Sitzgelegenheiten, kein Warten im Pulk zwischen Rauchern und plärrenden Kindern, und eine feste Zeit, wann ich meine Waren bekomme. Und ich muß mich nicht explizit als arm ausweisen, um teilnehmen zu dürfen. Dafür kostet es ein paar Euro, aber immer noch deutlich weniger als regulär.

Eine weitere Alternative zumindest für Lebensmittelläden wäre natürlich, abgelaufene oder kurz vorm Ablauf stehende Artikel regulär im Laden günstiger anzubieten. Das dagegen sehe ich immer nur vereinzelt und IMHO viel zu selten.

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