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Weggenommen

10. September 2021 um 18:10 Uhr von Atari-Frosch

Wenn ein Mensch mangels Alternativen gezwungen ist, einen Antrag auf Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder andere Sozialleistungen zu stellen, dann verhalten sich die Angestellten der entsprechenden Behörden oft so, als wolle man ihnen persönlich etwas wegnehmen. Aber auch die privilegierte Mehrheitsgesellschaft betont immer wieder sehr gerne, daß die Leistungsbeziehenden doch ohne Gegenleistung (!!!) etwas bekämen, der Mehrheitsgesellschaft also etwas wegnehmen würden.

Es wird Zeit, dieses falsche Narrativ ausführlich aufzudröseln.

Zugunsten der privilegierten Mehrheitsgesellschaft fange ich mit meiner Aufzählung erst im Oktober 2000 an, als ich nur mit dem, was ich tragen konnte, nach Düsseldorf kam.

  • Gleich als erstes wurde mir gleich von zwei Stellen erklärt, ich solle direkt wieder zurück zum Ehemann, weil die dortige Gemeinde zuständig sei. Man hat mir mein Grundrecht auf die freie Wahl des Wohn- und Aufenthaltsortes weggenommen.
  • Danach ließ der Angestellte des faschistischen Repressionsamtes der Stadt Düsseldorf erstmal ein paar Wochen lang immer wieder eingereichte Unterlagen verschwinden. Auch solche, die ich ihm unter seinen Augen auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er hat meine Glaubwürdigkeit weggenommen (und seine eigene, dadurch daß er mich über den Verbleib dieser Unterlagen angelogen hat, gleich mit).
  • Kurz nachdem ich dann doch endlich eine Wohnung gefunden hatte, erklärte mir derselbe Angestellte, daß die Grundrechte für mich nicht gelten würden, weil ich bedürftig sei. Er hat mir also meine Grundrechte weggenommen – und seine Behörde und später das ARGE sorgten 18 Jahre lang dafür, daß es dabei blieb.
  • Als ich nach einer Bezugsunterbrechung (Ehegatten-Unterhalt) Anfang 2002 wieder Leistungen beantragen mußte, kam die Erinnerung an diese Vorgänge, und ich fiel innerhalb einer Woche in eine schwere Depression. Sie haben mir meine psychische Gesundheit weggenommen, und das insgesamt fast 15 Jahre lang.
  • Dann verschwanden acht Monate lang systematisch meine Unterlagen. Sie haben sie mir weggenommen.
  • Nach vier Monaten, also quasi zur Halbzeit, gab es angeblich plötzlich meine Akte nicht mehr. Sie haben den ganzen Vorgang weggenommen, um nichts tun zu müssen.
  • Als ich, weil ich den Durchschlag des ersten Antrags nicht mehr finden konnte (doch, es gibt ihn, ich habe ihn immer noch, ich hatte ihn damals nur nicht gefunden), einen neuen Antrag stellte, bekam ich spannenderweise wieder dieselbe „Kunden“-Nummer zugeteilt. Aber das war bestimmt reiner Zufall. Man hat mir damit die vorausgegangenen vier Monate weggenommen, um für meine bis dahin aufgelaufenen Schulden nicht aufkommen zu müssen.
  • Danach ließen sie gemütlich weiterhin immer wieder meine Unterlagen verschwinden, bis meine Wohnung geräumt wurde. Sie haben mir also meine Wohnung weggenommen.
  • Als ich das Glück (und das Repressionsamt das „Pech“) hatte, kurz vor knapp in einer WG unterzukommen, drückte mir das faschistische Repressionsamt einen negativen Bescheid für die vorangegangenen weiteren Monate rein mit der Behauptung, ich hätte der Mitwirkungspflicht nicht Genüge getan. Sie haben mir damit Schulden von insgesamt rund 8.000 € aufgedrückt und mit damit meine bisherige Schuldenfreiheit weggenommen.
  • Als der Mitbewohner elf Monate später entschied, daß er wieder ausziehen will (ist ja sein gutes Recht, und nein, an mir lag's nicht), wurde mir sofort wieder Druck gemacht, daß ich umziehen solle. Ich war weiterhin depressiv. Man hat mir also weiterhin meine Gesundheit weggenommen, und am liebsten hätten sie mir auch umgehend wieder die Wohnung weggenommen. (Welche Hilfsmöglichkeiten ich gehabt hätte, haben sie mir natürlich nicht gesagt, das wäre ja kontraproduktiv gewesen.)
  • Anfang 2004 wurde der Druck zu groß, ich wurde suizidal. Ein halbes Jahr habe ich in dem Zustand durchgehalten, aber wie sich das anfühlt, wollt Ihr nicht wissen. Sie haben mir meinen Lebenswillen weggenommen.
  • Anfang Juli 2004 brachte mich jemand in die LVR-Klinik in Grafenberg. Dort sperrte man mich zunächst für zwei Wochen in eine überfüllte Akutstation und gab mir – wie sich später herausstellen sollte – untaugliche Medikamente. Neben meiner Gesundheit wurde mir also auch noch sinnlos meine Freiheit weggenommen. Geholfen wurde mir nicht. Es wurde mir nicht einmal richtig zugehört.
  • Das faschistische Repressionsamt fand das ganz prima und kürzte meine Leistungen um rund 80 € im Monat, weil ich ja jetzt in der Klinik mit Lebensmitteln versorgt würde. Daß diese Lebensmittel sehr fragwürdig waren (steht hier jemand auf alte Kartoffeln, die schon nach Fisch stinken, und das fünfmal pro Woche?), interessierte nicht. Sie haben mir das Recht weggenommen, meine Ernährung selbst zu organisieren. Selbst organisieren mußte ich mir dagegen, meine Wäsche von Bekannten waschen zu lassen, denn das war vor Ort nicht vorgesehen. Auch die Hygiene wurde mir damit teilweise weggenommen.
  • Als ich mich nach vier Monaten und zwei weiteren Stationen selbst entließ, weil die arrogante Inkompetenz der Ärzte dort nicht mehr auszuhalten war, wurde ich gedrängt, die Antidepressiva, die bislang nicht geholfen hatten, weiterzunehmen. Durch diese Medikamente legte ich (zusätzliches) Übergewicht drauf und überschritt damit die Grenze dessen, was meine Hüfte, Knie und Knöchel aushalten können. Sie haben mir damit meine physische Schmerzfreiheit weggenommen, denn ich konnte nur wenige Schritte laufen, ohne Schmerzen in den genannten Gelenken zu haben. Als ich ein gutes Jahr später bei 122 kg (bei 164 cm Körpergröße) war, habe ich die Medikamente endlich abgesetzt – „gegen ärztlichen Rat“.

Ich könnte noch lange so weitermachen, kürze das aber hier mal ein bißchen ab. Weggenommen wurden mir insgesamt:

  • 18 Jahre Lebenszeit,
  • davon mindestens 15 Jahre Berufstätigkeit mit Karriere und Berufserfahrung,
  • damit entsprechend 15 Jahre Einzahlung in die Rentenkasse,
  • vermutlich dauerhaft ein Teil meiner Leistungsfähigkeit,
  • dauerhaft Teile meiner physischen Gesundheit,
  • fast 15 Jahre lang meine psychische Gesundheit,
  • dauerhaft meine vorherige Schuldenfreiheit,
  • allgemein gesellschaftliche Teilhabe und
  • meine Menschenwürde.

Und Ihr aus der privilegierten Mehrheitsgesellschaft besitzt die Unverschämtheit, zu behaupten, ich würde Euch etwas wegnehmen? Generell würden Menschen, die Ihr systematisch und mit der Macht von Gesetzen zwangsveramt habt, etwas wegnehmen?

Ihr heuchelt und lügt Euch in die Tasche, erzählt was von Sozial- und Rechtsstaat, um vor Euch selbst und vor allen anderen zu verschleiern, daß wir in einem autoritär-kapitalistischen Staat leben, in dem Menschen eingeteilt werden in Verbrauchsmaterial für die Wirtschaft – und ja, das seid auch Ihr! – und nutzlose Kostenfaktoren. Daran ändert sich auch nichts dadurch, daß das ganze noch mit ein wenig Demokratie verziert ist. Wir Zwangsverarmten, wir Erwerbslosen und Behinderten, dürfen natürlich auch wählen gehen, aber Ihr sorgt mit Eurer Stimmen-Macht dafür, daß weiterhin geheuchelt und gelogen werden kann, daß wir weiterhin exkludiert und zwangsverarmt werden können. Und wenn wir dadurch sterben, ja auch egal, dann kosten wir nichts mehr, nicht wahr?

Nein, wir nehmen Euch nichts weg.

Ihr nehmt uns weg: Freiheit, Würde, Teilhabe.

Ihr wollt nicht sehen, daß Ihr unversehens selbst in unsere Situation „rutschen“ könnt. Ein Unfall, eine Gewalttat, eine Krankheit. Ihr schaut weg, es interessiert Euch nicht.

Und Ihr schämt Euch nicht einmal.

Ich verachte Euch.


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Ein Kommentar zu “Weggenommen”

  1. mira quakte:

    Hey, das mit Akte verschwunden bei der ARGE kenne ich auch… Drecksbastarde, mehrere tausend Euro Schulden deretwegen…


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